Jakov Bararon

Neues Licht - or chadasch  - 

 

Die Kunst  Jakov Bararons ist ein gutes Beispiel dafür, wie Jahrtausende alte  Traditionen, eine religiöse und kulturelle Durchdringung täglichen Lebens und die Achtung der Überlieferung zu bestimmenden  Grundelementen eines künstlerischen Lebenswerkes werden, in welchen die Individualität des Ausdruckes zugleich ihre Freiheit und ihren Rahmen findet. 

Die Inspiration für den Zyklus "or chadasch"  hat Bararon in der "Sarajevo-Haggadah schel pessach"  gefunden, jener von einem unbekannten Künstler des 14. Jahrhunderts kunstvoll gestalteten Erzählung der jüdischen Frohbotschaft der Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Gefangenschaft. Dieses bedeutende Werk jüdischen Kunstschaffens wurde von den aus Spanien Vertriebenen mitgenommen und von der jüdischen Gemeinde in Sarajevo über die Jahrhunderte sorgfältig bewahrt. 

Bararon hat sich die Schönheit dieses Werkes auf seine Weise angeeignet. In der Bearbeitung der überkommenen Darstellungen hat Bararon seinen eigenen künstlerischen Weg gefunden, auf welchem er die überlieferten Motive mit der ihm eigenen  Sensibilität gegenüber Farben in vollkommen eigenständigen Werken gestaltet. 

 Eine akribisch gestaltete Farbpalette schafft einen vergeistigten Raum; helle Tonwerte stellen eine Verbindung zur Atmosphäre des Landes Israel her und künden von der Schönheit der Schöpfung. Eine "Erleuchtung" des Menschen in seinem Raum, durch die das Gegenwärtige und Greifbare eine neue Dimension gewinnt. 

Die Kunstwerke Bararons werden vom Licht beherrscht. Licht - neues Licht über alten Texten - Licht als Zeichen der Hoffnung - durchdringt die Landschaft, erhellt die typische Architektur, umfließt die Symbole, ohne seinen Ursprung je erkennen zu lassen. Proportionen, anatomische Gestaltung,  Bewegungen erscheinen ebenso willkürlich wie das immerwährende Licht, um doch zum Schluss in einer bildlichen Anordnung, innerhalb welcher die entferntesten Gegenstände und Details auf den Gemälden  verbunden werden, zu einer besonderen Harmonie zu gelangen. 

Die melancholischen Spuren uralter Zeiten gestaltet Bararon  im Sinne eines  Gleichgewichtes zwischen der romantischen Nostalgie und der lebendigen Gegenwart. Die jüdisch-sepharidische Tradition, Illuminationen aus den alt-testamentarischen Manuskripten, treten vereinzelt und oft auch nur andeutungsweise auf, um als kompositorische Elemente eine Harmonie mit anderen Bedingtheiten des Kunstwerkes  zu bilden. Erst diese Harmonie ergibt ein vollendetes Bild. "Das Bild entsteht aus einem totalen Chaos, und erst wenn alle kompositorischen Elemente in Harmonie sind, ist es beendet", wie Bararon selbst sagt. 

"Wo ist der Schlüssel, der in der Lade lag, den Opa, der alte, so liebevoll verbarg, der Schlüssel des Heimes, des spanischen Hauses? Ich träume, ich träume von Spanien!" Diese spanische Romanze, die in Sarajevo noch vor wenigen Jahren in Erinnerung an die spanische Heimat früherer Zeiten gesungen wurde und das sephardische "Nächstes Jahr in Jerusalem" sein mag, drückt wohl mehr melancholische Sehnsucht als festen Glauben an die Heimkehr aus. Bararon gilt sie als Motto seines Bildzyklus. Bilder voller aus der Haggadah entnommener sephardischer Symbole, die zugleich die persönliche Auseinandersetzung des Künstlers mit der Gegenwart darstellen.

Bararon hat bei seiner Flucht 1992 den Schlüssel seiner einstigen Wohnung in Sarajevo mitgenommen. Ein Schlüssel der Rückkehr nach Sarajevo?

"Die Schlüssel für meine verlorenen und künftigen Heimatorte sind meine Bilder", lautet die Antwort des Künstlers.

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